Manchmal ist man besser Österreicher

Die deutsch-britischen Beziehungen waren seit den Weltkriegen von Skepsis und Ressentiment geprägt. Gründe für den Antagonismus untersuchten Wissenschaftler im Cambridger Workshop „Awkward Cousins? Britain and Germany since 1945“. Madeline Dangmann und Vanessa Jürcke trafen den Organisator Dr. Mathias Haeussler und sprachen mit ihm über Wandlungen des Deutschlandbildes, historische Weichenstellungen für den Brexit – und wie er sich als Deutscher auf der Insel fühlt.

Deutschland und Großbritannien als „Awkward Cousins“. Warum Blutsverwandte und nicht etwa „Nachbarn“?

Es ist eine Anspielung auf die uralten Verwandtschaftsverhältnisse – gerade in der Aristokratie. Sogar die Königsfamilie, also das Haus Windsor, ist ja eigentlich deutscher Abstammung. Wie kann es also sein, dass zwei Länder mit so vielen geschichtlichen und politischen Gemeinsamkeiten im 20. Jahrhundert einen so unglaublichen Antagonismus entwickeln – vor allem in der Europapolitik. Das ist das Paradox, das wir im Workshop erklären wollen.

Im Juni 2016 sagte die Mehrheit der Briten „Nein“ zu Europa . Kann das anti-europäische Ergebnis des Referendums auch als Ausdruck des Missmuts gegenüber Deutschland gedeutet werden?

Weder Deutschland noch die EU haben bei diesem Referendum eine große Rolle gespielt. Da ging es eher um nationale Probleme, wie das bestehende soziale Ungleichgewicht und das Gefühl der Leute abgehängt zu werden: Einerseits wirtschaftlich durch die Globalisierung, andererseits von den politischen Eliten im Parlament. Diese Gefühle konnten leicht auf die Europafrage projiziert werden.

Furchtlos im Angesicht der Vergangenheit - Dr. Mathias Haeussler
Furchtlos in deutsch-britischen Verhältnissen: Dr. Mathias Haeussler.

Nach Großbritanniens turbulentem Weg in EU, damals noch Europäische Gemeinschaft (EG), gab es bereits 1975 ein Referendum zum Verbleib in der Gemeinschaft. Damals stimmten noch 67% der Briten dafür – in diesem Jahr nur noch 48,1%. Wie kam es zu dieser Negativentwicklung?
Ich glaube es ist wichtig, dass man das 75er Referendum nicht hochstilisiert als enthusiastischen, unglaublichen Support für Europa. Die Engländer sind ja von Anfang an unter dem Motto „If you can’t beat them, join them“ beigetreten. Dann kam aber nicht der erhoffte wirtschaftliche Aufschwung, sondern das Gegenteil: England hatte von Juli 74 bis Juli 75 eine wirtschaftliche Inflation von 24,9%. Zum Zeitpunkt des ersten Volksentscheids herrschte also eine große Unsicherheit und Orientierungslosigkeit bei den Bürgern. Presse und Politik unter Premierministerin Margaret Thatcher waren anfangs noch überwiegend pro-europäisch eingestellt. Das „Ja“ zu Europa wurde ausgesprochen, weil die Angst bestand, dass ein Austritt die Situation noch verschlimmere.

Was erklärt den Stimmungsumschwung?

Entscheidend dafür sind die 80er und 90er Jahre. Zunächst erstarkt Großbritannien wieder und Thatcher entdeckt ihre Identitätspolitik, stilisiert sich als Kämpferin für britische Interessen. Und da fängt dann auch die Presse an, allen voran die Boulevardzeitung „The SUN“, die europaskeptische Schiene zu fahren. Thatcher tritt dann ja auch wegen ihrer Europapolitik zurück. 1992 kommen mit der Wahl viele knallharte neoliberale Tories – also Konservative – ins Parlament die sagen: Wir wollen die Revanche für Thatcher, die über Europa gestolpert ist. Das war die Gründungsstunde des Europaskeptizismus innerhalb der konservativen Partei.

Deutschland wird in der Boulevardpresse ja gerne als Projektionsfläche für die Europaskepsis genutzt. Was haben die Briten für ein Problem mit den Deutschen?

Ich glaube momentan kommen wir besser weg als die Franzosen oder die Luxemburger seit Junker. Denken Sie an den Besuch der Queen 1965 in Deutschland: Die Leute haben ihr zugejubelt, und das wurde als Ende der Nachkriegszeit empfunden, als Versöhnungsgeste. Dann trat eine Normalisierung ein, wobei England noch sehr unsicher in seiner eigenen postimperialen Identität war. Es folgten das Ende des Kalten Kriegs und die Wiedervereinigung, die die Deutsche Frage erneut aufwarf. Gleichzeitig sollte Großbritannien innerhalb der EU näher an Deutschland angebunden werden. Und diese Dynamik führte dann zu diesem anti-deutschen Turn in den 90ern. Der ist aber meiner Meinung nach heute kein Thema mehr.

Sie sind ja schon seit 2002 in England. Kam da mal eine Situation auf, in der Sie kein Deutscher sein wollten?

Nein, nur 2010 gab es eine Situation, als ich in einem Pub in London arbeitete: das Spiel Deutschland gegen England bei der Fußball-WM. Deutschland hat 4:1 gewonnen. Schon beim 1:0 sagte mein Barmanager zu mir: „Wenn dich jemand fragt, du bist Österreicher.“ Beim 2:0 kam ein Stammkunde rein: „How do you like that, dirty German?“. Scherzhaft. Der ganze Pub hat sich zu mir rumgedreht, und ich habe mich schnell weggedreht und Gläser gewaschen. Nachdem das Tor von Lampard aberkannt wurde, kam das 3:1, dann das 4:1. Mein Barmanager meinte: „Geh jetzt gleich heim – das könnte hässlich werden.“ Es ist dann aber doch nichts passiert. Das wäre vor 20 Jahren sicherlich noch anders gewesen.

Interview: Madeline Dangmann und Vanessa Jürcke

One Comment

  1. Rudolf Jürcke

    Ein gutes Interview mit einer guten Analyse. 79/80 waren die Engländer neidisch auf Deutschland. Weniger Arbeitslose, niedrigerer Spritpreis (obwohl UK das Öl förderte), bessere Wirtschaft. Ganz ungestört ist das Verhältnis auch heute (noch?, wieder?) nicht.

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